Erikson

Das epigenetische Prinzip

innerpsychische Entwicklung + soziale Seite!!!

knüpft an Freud an

 

Eriksons Methodik: Erikson betrachtet die menschliche Entwicklung, indem er das Individuum in Wechselwirkung zur Umwelt analysiert. Seine Analyse geht in Richtung der ganzheitlichen Betrachtung. Psychosoziale Entwicklungsstufen bezeichnen die Haltung sich selbst und anderen gegenüber.

 

Allgemeines zum Phasensystem: Die auf jeder Stufe neu ausgebildeten Fähigkeiten und psychischen Qualitäten sind auch bereits auf früheren Stufen vorhanden, finden nur auf der jeweils aktuellen Stufe ihren Höhepunkt.

Jede Stufe setzt ein neues Niveau sozialer Interaktion voraus. Ob das Individuum dabei erfolgreich war oder nicht, beeinflusst den Verlauf der weiteren Entwicklung auf positive oder negative Art und Weise.

Der Konflikt, der die 8 Stufen des Lebens charakterisiert, dauert an und kann nie ein für alle mal gelöst werden. Er muss aber auf einer bestimmten Stufe hinreichend bearbeitet werden, damit ein Mensch in der Lage ist die Konflikte der folgenden Stufen erfolgreich zu bewältigen.

 

  1. Urvertrauen gegen Urmissvertrauen

    • Das Kind ist von seiner Umwelt abhängig, weil es unfähig ist, sich gezielt und koordiniert zu bewegen oder sich selbstständig zu ernähren

    • Orale Phase: Die ersten Tätigkeiten des Kindes sind saugen, schlucken, Milch trinken

    • Das Prinzip „Geben und Gegeben-Bekommen“ ist prägend für das Kind. Als psychische Grundstimmung erwirbt das Kind in diesem Austauschprozess das Urvertrauen (=Vertrauen in die Welt versorgt und geliebt zu werden)

    • Das dyadische Verhältnis zur primären Bezugsperson ist von Spannung geprägt (Säugling muss die Launen der Mutter ertragen; Mutter muss die aggressiven Elemente beim Stillen ertragen)

    • Erlebnisse von Missvertrauen sind unvermeidlich

    • Krise: Urvertrauen wird durch reziproke Interaktion mit der primären Bezugsperson aufgebaut; Urmisstrauen durch Wegwendung dieser Bezugsperson (z.B. Entwöhnung des Stillens) aufgebaut Kontrast

    • Erreichbar ist ein Gleichgewicht zwischen einem Grundgefühl von Vertrauen und dem notwendigen Maß an Misstrauen und Vorsicht, nicht aber ein konfliktfreier unveränderlicher Glückszustand. Diese Balance wird immer wieder in beide Richtungen verloren gehen.

    • Entgleisungs- und Störmöglichkeit: Hospitalismus bzw. anaklitische Depression: Seelische und körperliche Störung, wenn die mütterliche Umsorgung plötzlich und radikal entzogen wurde und somit die Stimulierung und sinnlich erfahrene Freundlichkeit fehlt Urvertrauen geht verloren oder kann gar nicht erst aufgebaut werden
       

  2. Autonomie gegen Scham und Zweifel

    • Das Kind bildet die Fähigkeit mehrere Handlungen zu koordinieren (=Reifung), die alle durch die Tendenzen „Festhalten und Loslassen“ charakterisiert sind, z.B. die Schließmuskeln anale Phase

    • Autonomie = freies, eigenwilliges Verfügen über das Muskelsystem

    • Das Kind kann und will sich immer mehr autonom bewegen, sich selbst kontrollieren und beherrschen.

    • der wachsenden Autonomie wird mit Vorschriften und Verboten begegnet (z.B. Toilettentraining/Sauberkeitserziehung)

    • Krise: das Kind bemerkt, dass es vieles noch nicht richtig kann Scham und Zweifel an der eigenen Fähigkeit zur Autonomie

    • Element der Sozialordnung: erster Kontakt mit Gesetz, Ordnung, Privilegien, Beschränkungen, Verpflichtungen, Rechten. Es geht um „gut oder böse“

    • Entgleisungs- und Störmöglichkeit: Rigide Verbote durch die Eltern Regression oder Fixierungstendenzen

 

  1. Initiative gegen Schuldgefühl

    • Das Kind kann nun in die umgebende Welt eindringen = auf Entdeckungsreisen gehen

    • Eindringen auch in Form der Wissbegierde über Sexualität (weil das eigene Genital im Fokus ist)

    • Auch die soziale Wahrnehmung erweitert und strukturiert: Erkennt sich als Familienmitglied & kann Geschlechter unterscheiden (auch sich selbst)

    • Konkurrenzverhältnissen (ödipale Phase) das Kind denkt, dass es Aufgaben genauso gut erledigen kann wie das gleichgeschlechtliche Elternteil erkennt, dass es Mutter bzw. Vater aber nicht ersetzen kann

    • Krise: Starke Initiative um das gleichgeschlechtliche Elternteil zu ersetzen; Enttäuschung und massive Schuldgefühle, weil es den dritten verdrängen wollte (Kollision mit Urvertrauen) Angst vor Strafen

    • Element der Sozialordnung: Übernahme der Geschlechtsrolle (durch Identifikation)

 

  1. Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl

    • Die Entwicklung der Grundtriebe wirken latent weiter

    • Soziale Beziehungen werden wichtiger: wendet sich Altersgenossen zu

    • Die Bereitschaft etwas „richtig“ zu machen, realisiert sich häufig in Gruppen

    • Krise: Mögliches „Versagen“ innerhalb einer Gruppe hat zur Folge, dass sich das Kind unzulänglich und minderwertig fühlt

    • Element der Sozialordnung: Erleben von Grenzen

    • Mögliche Fehlentwicklung, wenn die systematische Unterweisung in Extreme verfällt: totale Disziplin oder gar keine Disziplin
       

  2. Identität gegen Identitätsdiffusion

    • Zunahme von Körperwachstum und Eintreten der physische Geschlechtsreife

    • Entwicklungsaufgabe: Integration aller bisher erworbenen Selbstdefinition und Elemente des Selbstverständnisses

    • Aus seiner psychosozialen Identität wird eine Persönlichkeit

    • Die Leistung des „Ich“ ist es, das erworbene individuelle Gleichgewicht von Urvertrauen und Urmissvertrauen, von Autonomie und Scham und Zweifeln, von Initiative und Schuldgefühl, von Werksinn und Minderwertigkeitsgefühl nun in einem Selbstkonzept zu integrieren

    • Identitätsdiffusion: das eigene Selbstverständnis muss mit den Anforderungen der Außenwelt vereinbart werden (z.B. kulturspezifische Geschlechtsrolle) Pubertätskrise: Erleben von Unklarheit und Unsicherheit in Bezug auf die eigene Identität

    • Moratorium: Zeit zur Überwindung der Krise; freigesetzt von materiell-sachlichen Zwängen Identitätsfindung

    • Kritisches hinterfragen auf Echtheit, auf Brüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit und auf die Art und Weise, wie die Entscheidungsträger ihre Führungsansprüche begründen

 

  1. Erwachsenenalter

 

  1. Intimität gegen Isolierung:

    • Intimität = sich auf Freundschaft, Liebe, Auseinandersetzung, Kampf einlassen

    • Scheitermöglichkeit: Isolierung als Ergebnis der grundlegenden Unfähigkeit sich mit anderen Menschen auf intime (wechselseitige) Beziehungen einzulassen

    • Zu der Grundfähigkeit gehört auch die Fähigkeit sich von aggressiven Gruppen zu distanzieren
       

  2. Generativität gegen Stagnation:

    • Fähigkeit und Notwendigkeit für das Weiterbestehen und die Fortentwicklung der eigenen sozialen Gesellschaft zu sorgen

    • Generativität = neue Generation von Kindern „produzieren“

Stagnation = Stillstand eines Prozesses
 

  1. Integrität gegen Verzweiflung und Ekel

    • Notwendigkeit sich mit seinem eigenen Leben abzufinden und sich mit dem Lebensende auseinandersetzen

    • Die Krise entsteht, wenn Verzweiflung und Abscheu entstehen, weil man sein Leben als verfehlt fühlt und die Unmöglichkeit neu zu beginnen bewusst wird.

 

 

 

 

Alter           Krise                               konstruktive Lösung                     problematische Lösung 

0-1,5 Urvertrauen vs. Urmisstrauen absolute innere Sicherheit Innere Unsicherheit
1,5-3 Autonomie vs Scham und Zweifel Fähigkeit der Selbstkontrolle, Willenskraft Willensschwäche oder starres Streben Willen durchzusetzen
3-6 Initiative vs Schuldgefühl Bereitschaft zur Initiative, Gewissensbildung Regide oder fehlende Gewissensbildung, Initiativlosigkeit oder Drang zur Initiative
6-12 Werksinn vs Minderwertigkeitsgefühl Leistungsbereitschaft und Motivation, Fähigkeit zur Selbsteinschätzung Minderwertigkeitsängste oder Neigung zur Selbstüberschätzung
Adoleszenz Identität vs Identitätsdiffusion Ausbildung eigener persönlicher Ich-Identität Angepasste Identität oder fortwährende Identitätssuche
Frühes Erwachsenenalter Intimität und Solidarität vs Isolation Fähigkeit zur Nähe und Bindung Erleben von Einsamkeit, Angst vor Bindung oder auch Angst vor Trennung
Mittleres Erwachsenenalter Generation vs Stagnation Verantwortung für eigene Kinder oder Mitmenschen und ihre Zukunft Keine Zukunftsperspektive, Orientieren nur an eigenen Bedürfnissen
Spätes Erwachsenenalter Ich Integrität vs Verzweiflung Gefühl der "Ganzheit" Akzeptieren des eigenen Lebens Erleben des eigenen Lebens als sinnlos, Enttäuschung, innere Verzweiflung
       
       

 

 

Ungefähres Alter

Psychosoziale

Krise

Psychosexuelle

Phase

Bezugspersonen

Psychosoziale

Modalitäten

Angemessene

Lösung

Unangemessene

Lösung

Element der

Sozialordnung

0- 1 ½

Urvertrauen

vs.

Misstrauen

Orale Phase

Dyadisches Verhältnis zur Mutter

Gegeben bekommen und Geben

Stabiles Urvertrauen und notwendiges Maß an Vorsicht

Unsicherheit, Verlassensängste

z.B. Hospitalismus

Kosmische Ordnung

1 ½ - 3

Autonomie

vs.

Scham & Selbstzweifel

Anale Phase

Eltern

Festhalten und Loslassen

Selbstwahrnehmung als Handelnder, und Verursacher

Zweifel an der eigenen Kontrolle von Ereignissen

Regression, Fixierung

 

Gesetz und Ordnung

3 – 6

Initiative

vs.

Schuld

Phallische Phase

Familienzelle

Tun (Drauflosgehen) „Tun als ob“ (Spielen)

Vertrauen auf eigenen Initiative und Kreativität

Fehlendes Selbstwertgefühl

Übernahme der Geschlechtsrolle

6 - Pubertät

Werksinn

vs.

Minderwertigkeitsgefühle

Latenzperiode

Schule

Wohngegend

Etwas „Richtiges“ machen

Etwas mit Anderen machen

Vertrauen auf angemessene grundlegende soziale und intellektuelle Fähigkeiten

Mangelndes Selbstvertrauen, Gefühl der Minderwertigkeit

Durch systematische Unterweisung

Erleben von Grenzen seiner Fähigkeiten

Jugend
(Adoleszenz)

Identität

vs.

Rollendiffusion

Pubertät

Peer-Group

Wer bin ich

Wer bin ich nicht

Das Ich in der Gesellschaft

Festes Vertrauen in die eigene Person;

Stabile Identität

Selbstwahrnehmung als bruchstückhaft;

Schwaches Selbstbewusstsein

Bruch zwischen Ansprüchen und Realität

Ideologische Perspektiven

Junges Erwachsenen-alter

Intimität

vs.

Isolierung

Genitalität

Peer-Group,

Sexuelle Partner,

Mitarbeiter

Sich im Anderen finden und verlieren

Fähigkeit zur Nähe und zur Bindung an Mitmenschen

Gefühl der Einsamkeit; Leugnung des Bedürfnisses nach Nähe

Arbeits- und Rivalitätsordnung

Mittleres

Erwachsenen-alter

Generativität

vs.

Stagnation

 

Zusammenleben in der Ehe

Schaffen

Versorgen

Interesse an Familie, Gesellschaft, künftige Generationen,

Selbstbezogene Interessen; fehlende Zukunftsorientierung

Zeitströmung in Erziehung und Tradition

Höheres

Erwachsenenalter

Integrität

vs.

Verzweiflung

 

Die Menschheit“

Sein, was man geworden ist

Wissen, dass man einmal nicht mehr sein wird

 

Gefühl der Ganzheit, grundlegende Zufriedenheit mit dem eigenen Leben

 

Gefühl der Enttäuschung

Weisheit

Kritik:

 

Würdigung und Kritik des psychosozialen Entwicklungsmodells E.H. Eriksons (Text: Kl. Tillmann, Einordnung und Kritik)

 

Pro: Würdigung/Verdienste

Contra: Ungenauigkeiten/Defizit

- Weiterentwicklung des psychosexuellen Modells S. Freuds im Hinblick auf die Einbeziehung der sozialen Komponente
- detailliertes und umfassendes Modell der menschlichen Entwicklung im Sinne eines Lebenszyklus, der das ganze Leben des Menschen umfasst
- Erweiterung der Freudschen Theorie um zwei Perspektiven:
(a) Überwindung der Freudschen Konzentration auf die zentrale Bedeutung der (früh)kindlichen Entwicklung
(b) Einbeziehung der Einflüsse der sozialen Umwelt auf den psychischen Entwicklungsprozess
- Loslösung von den triebtheoretischen Vorgaben Freuds: Die zu bewältigenden Lebensaufgaben werden durch die sozialen Anforderungen, die sich für den Menschen aus seiner gesellschaftlichen und sozialen Umgebung ableiten, gestellt.
- Das Modell Eriksons hat auch für die Sozialisationstheorie große Bedeutung:
(a) für die Vergesellschaftung des Menschen: Alle Menschen (einer Gesellschaft) durchlaufen den Lebenszyklus mit den gesellschaftlich vorgegebenen und normierten gleichgestellten Entwicklungs- und Lebensaufgaben.
(b) für die Individuierung des Menschen: Die gesellschaftlich gestellten Aufgaben werden von den einzelnen Menschen unterschiedlich gelöst, was ihre individuelle Konfliktbiographie und ihre spezifische Identitätskonstellation/-konstruktion erklärt.
- Die Subjektentwicklung des Menschen wird als Gewinn von Handlungsfähigkeit und Autonomie, als Ablösung von vorangegangenen Abhängigkeiten und Integration in eine weiterentwickelte Identität begriffen und (pädagogisch) angestrebt. ( allg. anerkanntes Sozialisationsverständnis)

- Ungenauigkeit/Unklarheit: Die Lebensphasen bis zur Adoleszenz werden durch einen biologischen Wachstumsplan ( epigenetisches Prinzip) beschrieben/bestimmt; für die Erwachsenenphasen ist allerdings kein erkennbares Kriterium der Einteilung erkennbar; stellenweise entsteht auch hier der Eindruck, dass auch die Erwachsenenphasen einem endogen bestimmten Plan zugrunde liegen. Dann müsste das Lebenszyklus-Modell aber kulturübergreifend/universell verstanden werden!? Man muss aber davon ausgehen, dass Erikson das so nicht gemeint hat.
- Eriksons Verständnis von einer „gesunden“ Persönlichkeit, von einem autonomen und handlungsfähigen Subjekt, erscheint gleichzeitig aber sehr konformistisch, d.h. an die gesell. Normen/Standards angepasst zu sein; vgl. die anzustrebenden Grundtugenden: Leistung, Initiative, Werksinn etc.
- Eriksons Modell ist gesellschaftlich unkritisch: Ökonomische Bedingungen der Subjektwerdung, klassen- und schichtspezifische Unterschiede, geschlechtsspezifische Unterschiede werden nicht genau genug betrachtet und in ihren möglichen Auswirkungen auf den psychosozialen Entwicklungsprozess untersucht.
- Es ergibt sich eine ambivalente (doppelwertige) Bewertung:
(a) Erikson entwickelt das Modell einer psychosozial „gesunden“, normalen Persönlichkeit im Sinne einer gesellschaftlich weitgehend angepassten Persönlichkeit ( vgl. später das Konzept der strukturell-funktionalen Sozialisation)
(b) Erikson entwickelt das Modell einer sich emanzipierenden Persönlichkeit hinsichtlich ihrer zunehmenden Autonomie und Selbstbestimmung.