Gewalt

GEWALT

Gewalt meint Aggressionen gegenüber Personen oder Gegenständen, die in der Regel zwischen zwei oder mehr Personen unter Anwendung physischer und/oder psychischer Mittel zum Schaden der/des Anderen ausgeübt werden und durch strukturelle Faktoren begünstigt werden kann.

 

Gewalt Erklärungsansätze

Erklärungsansätze

Soziologische Theorien

Soziologische Theorieansätze suchen die Ursachen für aggressives Verhalten nicht beim Individuum selbst, sondern betrachten die Einwirkung von gesellschaftlichen Bedingungen. Als Leitbegriff spricht man hierbei von „abweichendem Verhalten“, das aggressives Verhalten mit einschließt. Im Folgenden werden drei Theorien vorgestellt, welche für die Erklärung der Auswirkungen von sozialstrukturellen Bedingungen auf Aggression von Jugendlichen herangezogen werden, und zwar die Anomie-Theorie, die Subkultur-Theorie und die Etikettierungstheorie.

Anomie-TheorieDer Begriff der Anomie, der vorläufig als Regel- oder Normlosigkeit gefasst werden kann, wurde zur Erklärung sozialer Desintegrationserscheinungen im Gefolge der Arbeitsteilung von Durkheim eingeführt. In hoch arbeitsteiligen Gesellschaften werden die sozialen Beziehungen durch weniger Gemeinsamkeiten und weniger gegenseitige Verständigung problematischer, weniger befriedigend und möglicherweise sogar verhindert. Erfolgt keine Solidarisierung durch einen Individualisierungsprozess, so entsteht der Zustand der Anomie.
Im Bezug auf Jugendliche erklärt die Anomie-Theorie abweichendes Verhalten durch das Bedürfnis, die in der Gesellschaft vorherrschenden Ziele zu erreichen, aber nach eigenem Empfinden nicht die Fähigkeiten oder Mittel dafür zu haben. Das abweichende Verhalten kann darin bestehen, die gesellschaftlich akzeptierten Mittel, Ziele oder beides abzulehnen.Im Kindertagesheim überwiegt bei aggressivem Verhalten von Jugendlichen die Ablehnung der Mittel, d.h., es wird versucht andere Wege zum Erreichen bestimmter Ziele wie zum Beispiel Wohlstand, Erfolg und Anerkennung einzusetzen.
Hasan*, mit dem von der Norm am stärksten abweichenden Verhalten, hat zum Erreichen seiner Ziele fast immer versucht einen anderen, von der Norm abweichenden Weg einzuschlagen. Diese Normabweichung wurde vom Umfeld im Kindertagesheim wahrgenommen, doch könnte das gleiche Verhalten in seiner Familie evtl. als nur geringfügig abweichendes oder normenkonformes Verhalten wahrgenommen werden.
Von großer Bedeutung ist auch das Erkennen der strukturellen Gewalt, die auf Hasan* einwirkt. Es war zu erkennen, dass ihm bewusst war, wie wichtig Erfolg, Geld und Anerkennung in der Gesellschaft sind, sowohl in der deutschen, als auch in der Kultur seiner türkischen Eltern. Auf diese Gewalt reagiert er seinerseits mit Aggression, da er keinen Weg sieht, ihr mit normenkonformen Mitteln zu begegnen. Dies konnte häufig beobachtet werden, wenn andere Kinder etwas Neues mitgebracht hatten. Diese Dinge, wie zum Beispiel eine neue Jacke, ein Gameboy oder ein neues Fahrrad, waren für Hasan* häufig unerreichbar. Hasan* hat sie denjenigen oft weggenommen und sich selbst dadurch in den Mittelpunkt gestellt. In dem Moment hatte er die Aufmerksamkeit und Anerkennung der anderen Kinder, aber durch Anwendung seiner eigenen Mittel, die gegen die gültigen Normen und Regeln im Kindertagesheim verstoßen haben.

Subkultur-TheorieDie Subkultur-Theorie entstand aus Untersuchungen zur jugendlichen Bandenkriminalität in Amerika. Die Theorie, welche auch grundlegende Ideen der Anomie-Theorie beinhaltet, geht davon aus, dass die Normen, Werte und Symbole eines sozialen Systems nicht gleichermaßen für alle Mitglieder gültig sind. Durch Abweichungen entstehen Subkulturen innerhalb einer Gesellschaft, die einen Teil dieser gesellschaftlichen Normen, Werte und Symbole ablehnen und dafür andere bilden.
Diese divergierenden Normen entstehen als Anpassungsprozesse an verschiedene soziale Bedingungen. Sie versuchen Spannungen abzubauen, die durch ein Unvermögen oder die fehlenden (institutionalisierten) Möglichkeiten einer Behauptung in der Gesellschaft entstehen. Eine Lösung ist hierbei der „Wechsel der Bezugsgruppe, falls die in der eigenen Gruppe institutionalisierte Lösung als nicht angemessen erscheint“ , oder es kann „zu Zusammenschlüssen kommen; im Verlauf der Interaktionsprozesse entstehen gemeinsame Normen, Werte, Verhaltensweisen und Rollensysteme und als Endergebnis schließlich eine Subkultur.“Die Bildung von Subkulturen in Form von Banden spielte bei meiner Erfahrung im Kindertagesheim eine untergeordnete Rolle, konnte aber in Ansätzen unter den Jugendlichen beobachtet werden. Besonders bei der Gruppe der älteren Jungen hatten sich eigene Werte, die von der dominanten Gesellschaftsnorm abwichen, herausgebildet.
Interessant ist die Theorie besonders im Hinblick auf die Kulturzugehörigkeit von Hasan*. Lamnek, der die Theorien weiter gehend als „Theorien der Subkultur und des Kulturkonflikts“ , betitelt, schreibt: „Aus dem Aufeinanderprallen bzw. der Inkongruenz verschiedener Kulturen kann man ebenfalls Erklärungen für das Auftreten abweichenden Verhaltens ableiten.“ Dies ist im Fall von Hasan* anzunehmen, da starke Differenzen zwischen den familiären Normen und der dominanten Gesellschaftsnorm vorliegen, wie in Kapitel 5.2 deutlich wird.

Etikettierungstheorie

Die Etikettierungstheorie, die auch als Theorie des „Labeling Approach“ bezeichnet wird, sucht die Erklärung von zuvor als „abweichend“ oder „kriminell“ bezeichnetem Verhalten in der Normsetzung und genau diesen Bezeichnungen selbst. Hierbei spielen die Begriffe der primären und sekundären Devianz eine zentrale Rolle. Während die primäre Devianz aus verschiedenen Gründen entstanden sein kann, richtet die Theorie ihr Augenmerk auf die sekundäre Devianz, die aus der Reaktion und den Etikettierungen seitens der sozialen Umwelt nach der primären Devianz entsteht. Hierbei nimmt Lemert für die Entwicklung sekundärer Devianz den folgenden Entwicklungsprozess an:

1. primäre Devianz
2. soziale Bestrafungen
3. weitere primäre Devianz
4. stärkere Bestrafungen und Zurückweisungen
5. weitere Devianz, eventuell mit beginnender Feindseligkeit und Groll gegenüber den Bestrafenden
6. Stigmatisierungsprozess durch offizielle Maßnahmen gegen den Täter in seinem sozialen Umfeld, ausgelöst durch eine Überschreitung der Toleranz gegenüber seinem Verhalten
7. Verstärkung des devianten Verhaltens als eine negative Reaktion auf die Stigmatisierung und Strafen
8. endgültige Akzeptanz der devianten sozialen Rolle und Bemühungen sich dieser Rolle weiter anzupassen.

Im Bezug auf Hasan* und sein Umfeld im Kindertagesheim hat diese Theorie eine besondere Tragweite: Wenn für einen Regelverstoß im Kindertagesheim kein Täter auszumachen war, gingen sowohl Kinder als auch Betreuer häufig davon aus, dass Hasan* schuld war. Obwohl diese Vermutung häufig bestätigt wurde, kam es natürlich auch vor, dass Hasan* unschuldig war. Die unbegründeten Anschuldigungen führten zu verschiedenen Verhaltensweisen von Hasan*, als Folge der ungerechten Behandlung durch seine Etikettierung:

* Bei der Feststellung eines Regelverstoßes rief er sofort dazwischen, es nicht gewesen zu sein.
* Er beschuldigte schnell andere Kinder schuld zu sein oder auch etwas anderes getan zu haben, um seine eigene Tat zu entschuldigen bzw. die Aufmerksamkeit von sich auf ein anderes Kind zu lenken.
* Er war bei anstehenden Problemen häufig nicht aufzufinden, manchmal sogar dann, wenn er keine Schuld hatte.
* Er ging davon aus, regelmäßig wegen irgendetwas beschuldigt zu werden und gewöhnte sich an die Rolle des Schuldigen, so dass die Hemmungen gegenüber weiteren Normabweichungen schwanden.

Bewertung der soziologischen Theorien

Die soziologischen Theorien sind als Ergänzung der zuvor genannten Theorien besonders geeignet. Sie machen deutlich, dass es sich bei Aggression nicht nur um einen einfachen Zusammenhang wie Reiz und Reaktion zwischen zwei Parteien handelt, sondern es auch Reaktionen auf Reaktionen gibt, auch Außenstehende bzw. Konfliktbeobachter reagieren und eine aggressive Handlung stets in einem größeren Kontext betrachtet werden muss, da durch Wechselwirkungen im sozialen System neue Erscheinungen wie z.B. Etikettierung, aber auch ganz neue Strukturen wie Subkulturen entstehen.

Schlüsse aus den aggressionstheoretischen Ansätzen

Die Lerntheorien sind die Theorien, die das Aggressionsphänomen am genauesten und komplexesten darzustellen vermögen. Sie weisen zwar noch Grenzen auf, erreichen aber unter Einbeziehung der anderen, insbesondere der Aggressions-Frustrations-Theorie, eine große Tragweite.
Für das pädagogische präventive Handeln in der Praxis sind weiterhin die soziologischen Theorien besonders hilfreich, da sie sowohl einen makrotheoretischen Ansatz haben als auch den individuellen Fall mit einbeziehen. Von ebenso grundlegender Bedeutung sind die sich auf Frustration und Lernen am Modell beziehenden Forschungsansätze. In der Praxis des Kindertagesheims konnten vornehmlich Ereignisse beobachtet werden, die einem oder auch beiden Ansätzen zuzuordnen sind.
Das Ziel dieser Arbeit ist aber nicht die Berufung auf eines der Modelle, sondern eine Betrachtung der Aspekte, die sich aus den verschiedenen Aggressionsformen und Theorien ergeben. Eine wechselseitige Bezugnahme der Theorien aufeinander, insbesondere der soziologischen, verstärkt ihr Erklärungspotential.

 

Psychoanalytischer Ansatz -Rauchfleisch:

These 1:
    Persönlichkeitsstörung bei Menschen in frühkindlichen Entwicklungsbedingungen führen zu z.T. Traumatisierungen wegen:
    -    sozialer Instabilität der Herkunftsfamilie
    -    vielfältigen Beziehungsabbrüchen
These 2:
     Herkunftsfamilien (Ausländerfamilien)…
    -    …sind oft sozial benachteiligt
    -    …haben ökonomische Probleme
    -    …sind „sozial bekannt“ und stigmatisiert als Randgruppenangehörige
    ► mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit
These 3:
    frühkindliche Traumatisierungen führen zu:
    -    Ängsten und archaischen (=aus der Natur gegründete)    Abwehrmaßnahmen
    → Sie äußern sich in     a) großer Instabilität in den sozialen Beziehungen und
                b) aggressiver Besetzung der Bilder von sich selbst und anderen                 Menschen
    (Es-Störungen, Ich-Störungen, Über-Ich-Störungen, Narzisstische-Störungen)
These 4:
    Ohne Integration in intakte soziale Beziehungen kann nichts zum Besseren gewandt werden.
Die sozialen Beeinträchtigungen aus früherer Sozialisation, Strafanstaltskarrieren oder Stigmatisierungen als straffällig wiegen auf dem „Weg zurück“ sehr schwer.

 

Triebtheorien

Die Vorstellung, Aggression sei ein dem Menschen angeborener Trieb, ist zwar mittlerweile eine größtenteils verworfene Theorie der Psychologie, aber da sie eine der klassischen Grundpositionen ist, die seither die Debatte mitbestimmt haben, und sich durch ihre Einfachheit immer noch einer immensen Popularität erfreut, ist es durchaus sinnvoll sie in ihren Grundzügen darzustellen. Es gibt die Triebtheorien von Sigmund Freud und Konrad Lorenz:

Freud

Der bekannteste Vertreter der Triebtheorie ist Sigmund Freud (1930). Von ihm wird generell ein Todestrieb mit dem Ziel der Selbstvernichtung beim Menschen angenommen. Dieser vermischt sich mit der lebenserhaltenden Energie der Libido und lenkt den Todestrieb in Form von aggressiven Handlungen nach außen. Dies ist notwendig um eine Selbstzerstörung zu verhindern. Das bedeutet, der Mensch kann nur durch Zerstörung von Fremdem überleben. Wird diese Umlenkung nach außen verhindert, wirkt sich die Aggression auf die eigene Person aus und verursacht Krankheiten oder Störungen. Sie führt somit auch zur Selbstzerstörung.
Die Annahme eines Todestriebes ist schwerwiegender Kritik ausgesetzt. Zum einen erlaubt sie keinen Ausweg aus der Zerstörung des Selbst oder von anderen, sondern führt durch eigene Krankheit bzw. Verletzungen physischer und/oder psychischer Art oder das Zerstören von Fremdem zwangsweise zu einem tragischen Ende. Vor allem ist es aber nicht möglich, die Theorie wissenschaftlich zu überprüfen oder zu widerlegen. Selbst wenn die dadurch fehlende Wissenschaftlichkeit gegeben wäre, hätte die Theorie auch nur einen geringen praktischen Nutzen.
Aus diesen Gründen, insbesondere wegen ihrer Unwissenschaftlichkeit, sollte die Theorie verworfen werden.

Lorenz

Lorenz (1963) geht von einem angeborenen Aggressionstrieb aus, den er aus der Ethologie ableitet; von vergleichender Verhaltensforschung an Tieren zieht er Rückschlüsse auf den Menschen. Seine Theorie, die auch als „Dampfkesseltheorie“ bezeichnet wird, geht davon aus, dass von einem Organismus ständig aggressive Impulse erzeugt werden. Diese Impulse werden aufgestaut, bis ein Auslöser die Entladung der gesamten aufgestauten Impulse bzw. Aggression ermöglicht. Je mehr Aggression aufgestaut ist, desto geringer ist der nötige Auslöser für eine Abreaktion. Nach der Abreaktion baut sich erneut ein Druck aggressiver Impulse auf, bis es wiederum zu einer Abreaktion kommt.
Dem Aggressionstrieb schreibt Lorenz eine arterhaltende Funktion zu, die er aber lediglich als intraspezifische, d.h. als Funktion unter Artgenossen definiert. Es werden Argumente für den Sinn des Aggressionstriebes aufgeführt, welche sich eng an die darwinsche Evolutionstheorie anlehnen. Dadurch, dass die natürlichen Auslesefaktoren von der Menschheit seit der Frühsteinzeit weitgehend beseitigt wurden, geht Lorenz von einer intraspezifischen Herauszüchtung der „kriegerischen Tugenden“ aus.
Auch die Theorie von Lorenz ist schwerwiegender Kritik ausgesetzt. Das Aufstauen von Aggressionsimpulsen kann beispielsweise auch durch (externe) Frustrationen, anstatt eines von ihm nicht weiter definierten (internen) Impulses, geschehen. Weiterhin fehlen in seinen Beispielen, welche den Aggressionstrieb auf den Menschen übertragen sollen, nicht nur ernsthafte Belege für diesen Aggressionstrieb, sondern sie bieten auch viele Argumente dagegen. Seine Annahme, dass „mit der Ausführung aggressiver Verhaltensweisen ein Triebstau abgebaut und die weitere Aggressionsbereitschaft gesenkt würde, […] [ist] in dieser Form – zumindest für den Menschen – nicht haltbar.“

Bewertung der Triebtheorien

Bei den Triebtheorien handelt es sich um unwissenschaftliche, mehr intuitive Erklärungsversuche, die nur eine Wirkung erreichen, welche aus der unreflektierten Einfachheit ihrer Struktur erwächst.
Definiert man einen Trieb als angeborenes, spontanes und periodisch wiederkehrendes Verhalten, können die Triebtheorien nicht einmal auf biologische Bedürfnisse wie Hunger oder Schlaf angewandt werden, da sie hierbei von Verhalten anstatt von Bedürfnissen sprechen. Es ist den „Triebvertretern“ nicht gelungen, einen Trieb für aggressives Handeln nachzuweisen, der dem Kriterium der Wissenschaftlichkeit Genüge leistet.
Aufgrund der oben genannten Argumente, insbesondere wegen der Unwissenschaftlichkeit der Triebtheorien, müssen diese verworfen werden.

Frustrations-Aggressions-Theorie

1939 hat eine Gruppe von fünf amerikanischen Wissenschaftlern das Buch „Frustration and Aggression“ veröffentlicht. Die Forscher gingen von zwei zentralen Thesen aus, nämlich:
(1) Aggression ist immer eine Folge von Frustration und
(2) Frustration führt immer zu einer Form von Aggression.
Frustration wurde hierbei eng als „Störung einer zielgerichteten Aktivität“ definiert. Für die vorliegende Arbeit ist mit Frustration ein „aversives Ereignis, eine äußere Bedingung, […] die ein Individuum gewöhnlich zu meiden sucht“ gemeint.

Die Frage, ob Frustrationen zu aggressivem Verhalten führen, untersucht Nolting anhand von empirischen Forschungen zu drei Arten von Frustration, nämlich zu: Hindernisfrustrationen, Provokationen (Angriffe, Belästigungen usw.) und physischen Stressoren.

Hindernisfrustrationen
Hindernisfrustrationen treten auf, wenn eine Person am Erreichen eines Ziels gehindert wird. Experimentell wurde belegt, dass Hindernisfrustrationen zwar häufig zu Aggression führen, aber dass:

1. Hindernisfrustrationen nicht zwingend zu aggressiven Verhaltensweisen führen
2. Hindernisfrustrationen anscheinend nicht vorrangig für aggressives Verhalten verantwortlich sind und
3. dass in Fällen, bei denen stark aggressives Verhalten resultierte, stets andere Faktoren enthalten waren, besonders häufig Provokationen (siehe unten).

In Experimenten wurden anstelle von aggressiven Reaktionen nicht-aggressive Handlungsmöglichkeiten als Reaktion auf potentielle Aggressionsauslöser festgestellt, z.B.:

1. entschärfende Bewertungen der Situation: etwa Humor oder die Bagatellisierung des eigenen Anliegens
2. vermehrte Anstrengung und konstruktive Lösungsversuche
3. Ersatzhandlungen oder Befriedigung in der Phantasie (Tagträume)
4. Resignieren und Aufgeben.

Diese Handlungsweisen stellen eine präventive Maßnahme gegen Aggression dar und werden in Kapitel 6 näher erläutert.

Provokationen

Provokationen anderer Personen, beispielsweise Beleidigungen, unangemessene Kritik oder leichte körperliche Aggression wie Anrempeln , rufen vielfach eher aggressive Reaktionen hervor als Frustrationen. Provokationen werden als „Fehlverhalten“ anderer interpretiert, führen aber nicht unweigerlich zu aggressiven Verhaltensweisen. Alternative, nicht-aggressive Reaktionen sind auch hier möglich:

1. Entschärfende Bewertungen des aversiven Verhaltens […]
2. bewusstes Ignorieren der Provokation
3. Aufforderungen, Fragen oder Argumente an den Provokateur
4. Mitteilen eigener Gefühle (sog. Ich-Botschaften)
5. Akzeptieren der Provokation, Selbsttadel
6. Rückzug bzw. Flucht.

Physische Stressoren

Physische Stressoren wie Hitze, Kälte, Lärm, Menschengedränge oder schlechte Luft stellen zwar einen begünstigenden Faktor für aggressive Verhaltensweisen dar, können aber nicht als eigenständige Auslöser von Aggression angesehen werden. Ihnen kann somit nicht dasselbe Gewicht wie den Hindernisfrustrationen oder Provokationen beigemessen werden.

Bewertung der Frustrations-Aggressions-Theorie

Eine Aggressionsreaktion auf eine Frustration ist am ehesten zu erwarten, wenn eine Provokation vorliegt, diese von der betroffenen Person als Fehlverhalten des anderen eingeschätzt wird, der Betroffene aggressive Verhaltensgewohnheiten und geringe Hemmungen hat und die Situation aggressive Modelle, Signalreize und Anreize (Erfolgschancen), aber kaum Anreger für Hemmungen bietet.
Diese Theorie ist eine sinnvolle Erklärung eines Teilaspekts von Aggression, aber letztlich eine zu stark vereinfachende, monokausale Erklärung für das Aggressionsphänomen in seiner Gesamtheit. Dies spiegelt sich auch darin wider, dass die Theorie in ihrer Grundfassung immer weiter eingeschränkt werden musste, wodurch sie nur noch einen Teil der beobachteten Aggressionsphänomene beschreiben kann. Ihre Erklärungskraft wird in Verbindung mit anderen Theorien, vor allem den Lerntheorien, jedoch sinnvoll verstärkt und ergänzt.

Lerntheorien

Die Lerntheorien, deren bekanntester Vertreter Bandura ist, gehen von Aggression als einem erlernten Verhalten aus. Folgende Lerntypen sind für die Aggressionsforschung von besonderer Bedeutung und werden im Anschluss dargestellt: Lernen am Modell, Lernen am Effekt (Erfolg und Misserfolg), kognitives Lernen und Signallernen.

Lernen am Modell

Lernen am Modell wird auch als Beobachtungslernen bezeichnet. Es basiert, vor allem bei Kindern, auf dem Beobachten vorgelebter Verhaltensweisen. Die beobachtende Person nimmt entweder Verhaltensweisen an, die ihr zuvor unbekannt waren, oder bestehende Verhaltensweisen werden angeregt bzw. verstärkt: „Das Vorbild anderer vermittelt eine Orientierung für das eigene Verhalten, wirkt stimulierend oder reduziert eventuelle Hemmungen. […] Vor allem ist an die ansteckende Wirkung innerhalb von Gruppen zu denken. […] Dies alles bedeutet auch: Jede Aggression erhöht die Wahrscheinlichkeit weiterer Aggression.“ Aggressive Modelle sind im Leben alltäglich, beispielsweise in der Familie, Schule oder den Medien. Menschen, die in ihrem Leben häufig aggressiven Modellen ausgesetzt sind, entwickeln auch mit höherer Wahrscheinlichkeit aggressive Verhaltensweisen.
Die wichtigsten Vorbilder sind die Eltern, aber auch Pädagogen wie Lehrer oder Jugendbetreuer sind für die Entwicklung eines Kindes von entscheidender Bedeutung. Kinder können sich an Vorbildern orientieren, aber auch an den eigenen Erfahrungen mit Verhaltensweisen wie Aggression. Weitere Orientierung im Bezug auf aggressive Verhaltensweisen können eine Gruppe, eine Subkultur oder die Gesellschaft geben, indem sie anzeigen, dass aggressives Verhalten zu Anerkennung und Erfolg führt.
Eine schwierig abzuschätzende Rolle spielen die Medien, wobei in bisherigen Untersuchungen vorrangig Film und Fernsehen in Augenschein genommen wurden. Die Wirkung der Medien ist wechselseitig, d.h., aggressivere Menschen neigen eher dazu (bewusst) mediale Aggression zu konsumieren und die mediale Aggression kann Menschen gleichzeitig aggressiver machen. Der erhöhte Konsum von Filmen mit aggressivem Inhalt kann auch durch gestörte Familienverhältnisse entstehen, was letztlich die Bestimmung der Herkunft der Aggression schwierig macht. Es stellt sich die Frage, ob die Aggression vorrangig von den Familienverhältnissen oder dem Medienkonsum abhängt. Selg spricht bei den Medien von einem Risikofaktor, sie seien weder allmächtig noch ohnmächtig. Nolting bewertet die Rolle der Medien so, dass „subtile Gehässigkeiten in der eigenen Familie […] für die Entwicklung eines Kindes sicher weit schwerwiegender als ganze Horden knallender Cowboys“ seien.
Medien haben somit einen verstärkenden, aber nicht unbedingt ursächlichen Anteil an Aggression. Wenn bereits eine Aggressionsbereitschaft vorhanden ist, können sie diese zwar verstärken, sie sind aber höchstwahrscheinlich nicht dafür verantwortlich eine Aggressionsbereitschaft überhaupt erst zu etablieren.

Lernen am Effekt (Erfolg und Misserfolg)

Die Tatsache, dass aggressives Verhalten durch Beobachtung eines Modells erlernt werden kann, lässt die Frage offen, warum sich das Modell aggressiv verhält. Nolting versucht dies anhand von äußeren und inneren Effekten zu erklären. Zu den äußeren Effekten von aggressivem Verhalten zählen:

* Durchsetzung und Gewinn
* Beachtung und Anerkennung sowie
* Abwehr, Verteidigung, Schutz

während er für innere Effekte

* Selbstbewertung
* Gerechtigkeitserleben und
* Stimulierung angibt.

Während also Modelle neue Verhaltensweisen vermitteln, lehren uns Erfolge, gezielt Verhaltensweisen einzusetzen. Durch die Erfolge ist also auch eine Motivation zum aggressiven Verhalten gegeben, was weiterhin bedeutet, dass auch eine Verhaltensdisposition für zukünftige Situationen ausgebildet wird. Nolting führt folgendes Beispiel an:
„Nehmen wir einmal den hypothetischen Fall an, daß ein kleines Kind noch keine Gelegenheit hatte, Aggressionen bei anderen Menschen zu beobachten. Dieses Kind spielt im Sandkasten mit einem anderen Kind, und in einem bestimmten Moment möchten beide Kinder die Schaufel ergreifen. Beide ziehen an der Schaufel, es kommt zu heftigen Bewegungen, bei denen schließlich das eine Kind das andere zurückstößt, so daß es hinfällt und weint. Das Kind, das gestoßen hat, nimmt die Schaufel; es hat <>. Das andere Kind mag sich nach einer Weile erheben und erneut die Schaufel zu ergreifen versuchen, wird jedoch nun durch einen Schlag mit der Schaufel zurückgehalten. Wir können sagen, daß das eine Kind sich mit Hilfe von Aggression durchgesetzt hat. Es ist wahrscheinlich, daß es sich nun in einer ähnlichen Situation häufiger so verhalten wird.“

Kognitives Lernen: Wissen und Erkenntnisse

Diese Theorie geht davon aus, dass Wissen und Erkenntnisse den Umgang mit Aggression bewusst beeinflussen können: „Hat das Lernen am Modell seine besondere Bedeutung in einem ökonomischen Erwerb neuer Verhaltensweisen und das Lernen am Effekt in der Ausbildung von Verhaltensgewohnheiten, so kommt das kognitive Lernen vor allem beim Interpretieren und Bewerten von Situationen sowie im bewußten Planen und Steuern des eigenen Handelns zur Geltung.“ Die Interpretation und Bewertung von Situationen ist abhängig von der persönlichen Bedeutungsbildung von Begriffen, Kenntnissen und Denkweisen. Begriffe zu lernen ordnet die Welt durch Zusammenfassen von Gemeinsamkeiten verschiedener Dinge und Ereignisse. Dies stellt einen zentralen Punkt für das Konzept des kognitiven Lernens dar und muss auf die aggressionsrelevanten Begriffe, Kenntnisse und Denkweisen und ihre Wirkung hin hinterfragt werden. Viele Begriffe haben nur indirekt mit Aggression zu tun, wie zum Beispiel der Begriff Treue, der bei manchen Menschen durch die Idee vom „Kampf bis zum bitteren Ende“ bestimmt sein kann, während andere Begriffe typischer für aggressive Verhaltensweisen sind, zum Beispiel Hass, Waffe oder Feind. Die Bedeutungszuweisung bei Begriffen ist individuell verschieden und stellt eine Interpretation und meist auch ein Werturteil und eine Handlungstendenz dar. Ein unerfreuliches Verhalten einer Person kann von verschiedenen betroffenen Personen unterschiedlich eingeschätzt und z.B. entweder auf Rücksichtslosigkeit, Feindseligkeit, Unvermögen oder äußere Umstände zurückgeführt werden. Aggressionsrelevant sind besonders die gelernten sozialen Normen wie Werturteile und Leitvorstellungen, die sich auf das „richtige“ Handeln beziehen. Sie legen fest, ob eine bestimmte aggressive Handlung „verboten“, „unangemessen“ oder „legitim“ ist. Durch erworbenes Handlungswissen, d.h. einen gelernten, abrufbaren Handlungsablauf, lernen Kinder ihre Fähigkeiten einzusetzen und deren Folgen abzuschätzen. Dieses Handlungsrepertoire, das sich ein Kind aufbaut, kann entweder mangels, aber auch mittels produktiven Denkens zu aggressivem Verhalten führen. Das heißt, das Kind kann entweder eine aggressive Verhaltensweise bevorzugen, weil es wegen eines Mangels an produktivem Denken keine anderen Optionen sieht, oder es denkt sich immer neue, wirkungsvollere Verhaltensweisen aus, um jemandem Schaden zuzufügen und seine eigenen Ziele durchzusetzen. Aggression als bevorzugte Verhaltensweise zu verwenden, steht für eine Denkweise, die den flexiblen und lösungsorientierten Umgang mit Konflikten behindert.
Insbesondere Gordon weist auf die Gefahren hin, die Eltern eingehen, wenn sie versuchen ihre Kinder durch Macht und Kontrolle, d.h. mithilfe angewandter Aggression zu erziehen: Sie stehen häufig völlig machtlos da, wenn sie ohne Erfolg ein ganzes Register von Strafen und Drohungen abgearbeitet haben, und keine anderen, neuen Ideen für ihr Verhalten finden können.

Signallernen

Signallernen bedeutet Lernen durch Konditionierung von Reiz und Reaktion. Bei dieser behavioristischen Lerntheorie handelt es sich aber nicht nur um das Prinzip der klassischen Konditionierung, sondern auch um gelernte Assoziationen, die sowohl auf persönlichen Erfahrungen als auch auf Erzählungen und Belehrungen beruhen können.
Für die Aggressionsforschung bedeutet ein solches Signallernen einen neuen Affektauslöser, der mehr oder minder automatische, emotionale Reaktionen hervorruft. Diese aggressionsrelevanten Reize sind beispielsweise Waffen, Bilder, Worte, Symbole oder Namen. Ob die aggressionsrelevanten Reize zu aggressivem Verhalten führen, ist hierbei aber noch nicht festgelegt, denn zwischen Reiz und Reaktion findet eine Bewertung des Reizes statt, auf die bewusst Einfluss genommen werden kann. Anreger können somit anders bewertet werden, und zu gelernten, alternativen, nicht-aggressiven Reaktionen führen.
Im Kindertagesheim ist die Bedeutung von Signallernen als einem Aggressionsauslöser deutlich geworden. Spontane, aggressive Reaktionen ohne einen zu beobachtenden Grund wie eine Provokation oder Frustration sind mithilfe von Signallernen zu erklären. Zur Veranschaulichung bietet sich ein Beispiel an, welches sich zwischen Hasan* und Heiko, einem der jüngeren Kinder, zugetragen hat:
Hasan* spielt mit zwei anderen Jungen an der Playstation und hat anscheinend gute Laune. Heiko, der jünger und ruhiger ist als Hasan*, kommt in den Raum und fängt an bei dem Spiel zuzuschauen. Hasan* wiederum hat bemerkt, dass jemand gekommen ist und dreht sich um. Aus einer anscheinend guten Laune heraus brüllt er plötzlich Heiko an, was selbst mich erschreckt und überrascht. Die aggressive Verhaltensweise ist hier anscheinend nur durch den Anblick von Heiko entstanden und war zur Zeit meines Praktikums für mich noch nicht zu erklären.

Bewertung der Lerntheorien

Der lerntheoretische Ansatz ist wesentlich komplexer und weniger monokausal als die zuvor angesprochenen Theorien. Er geht auf das Problem von Aggression mit differenzierten Erklärungsmodellen ein, so dass der Begriff Lerntheorie auch als Überbegriff für ein multikausales Aggressionsmodell gesehen werden kann. In Verbindung mit der Frustrations-Aggressions-Theorie lässt sich bereits ein bedeutender Anteil des Aggressionsphänomens erklären, aber bei weitem noch nicht erschöpfend. Soziologische Aggressionstheorien erweitern das Verständnis von Aggression darüber hinaus, indem sie Aggression als gesellschaftliches Phänomen betrachten.

 

Prävention :
Coolness- Training
Faustlos
Trainingsraum
„Buddy“
Streitschlichter

Intervention :
Boot Camp (Amerika)
Anti-Aggressivitäts-Training
Boxcamp

Erlebnispädagogik

 

ERLEBNISPÄDAGOGIK:

Grundidee:    - Neue Fähigkeiten erkennen, herausheben und  stärken
            - Förderung des kooperativen Verhaltens innerhalb des             Gruppenverbandes
■    an seine Grenzen gehen und folgende Punkte annehmen:
Herausforderung, Neuartigkeit, Aufforderungscharakter, Ernstcharakter, Problemlösung , Grenzerfahrung, Beziehung in der Gruppe, Ganzheitlichkeit, Wechselspiel von Aktion und Reflexion, Werteendeckung, Selbstorganisation, Selbstgesteuerter Prozess
Zielgruppe: Jugendgruppen, straffällige Jugendliche, Jugendliche aus dem Heim
Pädagogische Zielsetzung:
    -Verbesserung sozialer Kompetenzen   
    -Persönlichkeitsentwicklung
-Teamfähigkeit, Vertrauen zu anderen
-Fähigkeit zur Konfliktlösung
-Integration von Außenseitern- Verbesserung der Atmosphäre